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Therapeutische Ansätze

 

Gibt es therapeutische Lösungsmöglichkeiten für Transsexualität?

Die "herrschende wissenschaftliche Lehrmeinung" und die Überzeugung vieler Betroffener ist: Wenn man transsexuell ist, dann ist das ein Problem, das sich nicht "wegtherapieren" läßt.

Das ist zweifellos richtig, sofern wir von einer fremdbestimmten Einflußnahme reden. Doch wenn man bereit ist, an die tiefsten und intimsten Gefühle zu gehen, an Prägungen, die vielleicht schon zur Zeit der Geburt oder sogar davor begonnen haben, dann kann man durchaus Wege finden, die abseits der heute üblicherweise beschrittenen liegen.

Im Prinzip haben wir es hier mit Ansätzen zu tun, die ähnlich unterschiedlich gelagert sind wie die Naturheilkunde einerseits und die klassische Medizin andererseits. Mit dem biologischen Landbau gegenüber industrieller Landnutzung mit Chemie und Gentechnologie ist es ähnlich. Gehen wir liebevoll mit der Erde um, die wir haben und unterstützen wir die Natur darin, daß hier alles bestmöglich gedeihen kann, oder entscheiden wir rein nach wirtschaftlichen Kriterien, was hier nun wachsen soll und setzen dann Chemiedünger, Herbizide, Pestizide, Fungizide, künstliche Bewässerung und maschinelle Bearbeitung ein, damit der maximale Ertrag erwirtschaftet werden kann...?

Wir gehen mit unserer Umwelt, unserer Erde, unseren Körpern nicht liebevoll um. Der Erde haben wir Menschen schon nachhaltigen und irreversiblen Schaden zugefügt. So können wir auf Dauer nicht gut leben, vielleicht nicht einmal überleben. Indem wir unser Denken ändern, ändert sich unser Fühlen und die Art und Weise, wie wir uns selbst und unsere Umwelt wahrnehmen.

Wenn wir wirklich liebevoll mit uns selbst umgehen und uns selbst langsam und organisch wachsen lassen, kann dabei schon auch ein äußerer Geschlechtswechsel herauskommen. Ich habe Transsexuelle kennengelernt, bei denen ich dieses Gefühl von organischem Wachstum und einer selbstverständlichen Richtigkeit hatte. Bei mir, und ich möchte meinen, bei der Mehrzahl der TS, die ich bisher kennen gelernt habe, war bzw. ist es anders: viel Druck, Verzweiflung, innere Zerrissenheit, Unwohlsein mit dem eigenen Körper und der Sexualität, der Versuch, irgendwie "richtig" zu werden - viel innerer Schmerz, der oft nicht einmal gefühlt, sondern (unbewußt) gegen den eigenen Körper gerichtet wird.

Um ein Problem lösen zu können, muß man seine Ursache kennen. Während meines Wechsels habe ich so argumentiert, daß die "Ursache" der "falsche Körper" sei. Vom Bewußtsein her, in Gedanken und Gefühlen, sei ich ja mit mir selbst im Reinen. Nur der Körper stimme eben nicht. Dabei habe ich viele emotionale Defizite und Verletzungen nicht gesehen. Und selbst wenn ich sie ahnte, wußte ich doch nicht, wie ihnen anders zu begegnen gewesen wäre. Statt dessen forschte ich so hilflos, wie unsere am Materiellen orientierte "Wissenschaft" es heute leider allzu oft ist, in Hirnpyhsiologie, Genetik, Verhaltensforschung - blind für die eigentlichen Ursachen, die nach meiner heutigen Ansicht und Erfahrung in meinen Gefühlen und Prägungen lagen.

Die anzugehen, lohnt sich sicherlich für alle, die von Transsexualität betroffen sind - ob nun mit oder ohne, vor oder nach einer OP. Nach meiner Einschätzung und Erfahrung liegt in dieser inneren Entwicklung aber auch ein vollständiger Lösungsweg. Er führt über ein Bewußtmachen negativer und begrenzender Überzeugungen und Gefühlsstrukturen hin zu deren Auflösung in einer Arbeit, die über den Körper die tiefsten Emotionen und Schichten der Psyche erreicht. Wenn wir von Therapie reden, so ist oft nur die weithin praktizierte und akzeptierte Freudsche Psychoanalyse gemeint. Freud war ein Pionier, doch seine Arbeit wurde - von akademischen Kreisen und der heute üblicherweise praktizierten Psychotherapie bislang weitgehend unbeachtet bzw. ignoriert - mittlerweile von seinen Nachfolgern weit überholt. Sein Schüler Reich hat vielleicht als erster die Bedeutung der sexuellen Kraft für das psychische Geschehen erkannt und die Entwicklung von Methoden angestoßen, die über den Körper tiefe seelische Schichten erreichen. Auch die Atem-Arbeit von Stanislav Grof hat aus meiner Sicht sehr viel zum Verständnis der menschlichen Psyche beigetragen.

Vom Konzept her ähneln sich die verschiedenen "neuen" Methoden darin, daß sie dem Einzelnen helfen, tief sitzende Gefühle und Verletzungen anzusehen, noch einmal zu fühlen und damit zu lösen und sich davon zu befreien. Es geht dabei um Prozesse, die nicht manipulieren, sondern die über Selbsterforschung und Körpererfahrungen zu Selbstakzeptanz und innerer Harmonie führen können.

Die für mich schönste und wirksamste Methode von allen, die ich kennengelernt habe, ist die Atemtherapie. Tief im Körper festsitzende Emotionen und Spannungen können sich da auf eine sehr heilsame Weise lösen, und zwar genau in der Geschwindigkeit und dem Maß, das für den Einzelnen gerade richtig ist und das er/sie gerade verarbeiten kann. Dabei kann man sehr schön fühlen, daß man seinen natürlichen Reaktionen und seinem Körper vertrauen kann.

Weitere mögliche Stationen in der Selbsterfahrung:

 
Die Innere Mann/Frau-Balance

Je nach Schule nennt man sie "Animus & Anima", es sind "Teilpersönlichkeiten", "Aspekte", "Stimmen"...: die Arbeit damit besteht daraus, den einzelnen Bestrebungen Ausdruck zu verleihen, ihnen Gehör zu verschaffen, um sie kennen zu lernen und bewußt zu integrieren, also als Teil von sich zu erkennen. Das kann in einem In-Sich-Hineinhorchen geschehen, aber auch in Handlungen und Rollenspielen.
Man kann sich dadurch dem Verstehen nähern, daß man - wie jeder Mensch - sozusagen aus verschiedenen Bestrebungen "zusammengesetzt" ist, aus Anteilen, die einander teilweise widersprechen, sich aber letztlich ausgleichen. So kann man erkennen, daß man nicht eine einzelne dieser Bestrebungen ist: "Ich bin nicht meine 'innere Frau', sondern ich habe weibliche Anteile" - und männliche, und jede Menge anderer ...

Wenn man die unterschiedlichen Bestrebungen in sich selbst erkennt, identifiziert man sich nicht mehr mit einer einzelnen davon, sondern kann alle aus einer übergeordneten Sicht mit etwas Distanz betrachten und zu einer Einheit finden.

Übrigens, wenn man sich in einen anderen Menschen verliebt, dann meistens deshalb, weil man in ihm oder ihr etwas wiederfindet, das man unbewußt auch in sich selbst hat - wie zum Beispiel der Mann, der seinen eigenen, weiblichen Anteil nicht bewußt kennt und der sich in eine Frau verliebt, die seine "Anima" sozusagen verkörpert. Wird die Anima nun aber nicht im anderen Menschen gefunden, sondern in der anderen Möglichkeit von sich selbst, kann man (häufig bei MzF-TS) sich in seine weibliche Seite so sehr verlieben, daß man sie sein will bzw. meint, sie zu sein. ("Autogynäkophilie")

 
Die Eltern-Beziehung

Aus dem Beziehungsfeld, in dem man aufgewachsen ist, übernimmt man unbewußt viele Prägungen - unter anderem auch das Verständnis dafür, was männlich und weiblich ist und wie man mit diesen beiden Seiten umgeht. Hier liegt ein großer Fundus für Selbsterkenntnis. Interessant und wichtig sind da z.B. Fragen wie: "Was habe ich als Kind getan bzw. tun müssen, um geliebt bzw. akzeptiert zu werden". Oder: "Was hat meine Mutter, was hat mein Vater über Männer bzw. Frauen gedacht". "Wie habe ich Liebe und Nähe erfahren?" "Wie ist mit meiner Eigenart und meinen Bedürfnissen umgegangen worden?" "Welche Auswirkungen, welchen Nachhall hat das heute?"

Bei genauem Hinsehen kann man hier Glaubenssysteme finden, die man oft automatisch "abspult" und wiederholt, obwohl sie für das eigene Leben und Wohlbefinden alles andere als nützlich sind. Das Verstehen und Erkennen ist hier ein erster, wichtiger Schritt. Durch gezielte Selbstbeobachtung u.a. kann man die Automatismen langsam ändern. Wichtig ist auch die Befreiung bislang nicht ausgedrückter Emotionen, denn diese setzen sich sozusgen im Körper fest und können über gezielte Bewegung und verstärkten Atem gelöst werden. Das kann die eigene Selbstwahrnehmung erstaunlich intensiv verändern.

 

Zu Hause im eigenen Körper

Es geht tatsächlich vielen Menschen so, daß sie sich nicht wirklich in sich zuhause fühlen - ohne, daß sich das bei allen in Transsexualität äußert. Vieles davon kann man in die Kindheit zurückverfolgen. Wurden damals wichtige, vitale Gefühle nicht ausgedrückt und gelebt, kann das zu einem diffusen Unwohlsein und viel innerer Verwirrung führen. Ursachen können gundlegende Haltungen und Situationen in der Kindheit gewesen sein oder einzelne, vielleicht drastische Erlebnisse. Diese Emotionen schlagen sich sozusagen im Körper nieder, sie bilden sich z.B. in Verspannungen ab, oder in einem mangelnden Kontakt zum eigenen Körper. Depressionen, Kopfschmerzen, Krankheiten, mangelnde innere und körperliche Beweglichkeit, wenig Bereitschaft zu körperlicher Aktivität... - im späteren Alltag kann das in vielerlei Hinsicht spürbar werden. Auch und vor allem auch in einem mehr oder weniger großen inneren Zwiespalt hinsichtlich der sexuellen Kraft. Je nachdem kann man die manchmal nicht mehr als vital und lebendig erfahren, als etwas Schönes, das mit Liebe verbunden ist, sondern erlebt sie als geradezu qualvoll. Manche "entscheiden" sich auch, sie "lieber" gar nicht zu fühlen.

Solche Zustände sind über gezielte Arbeit mit dem Körper lösbar - wiederum eine Arbeit, die eine Verbindung zu den eigenen Emotionen herstellt, die gestaute, nicht ausgedrückte Gefühle ans Tageslicht befördert und freiläßt. Diese Übungen lösen mehr oder weniger diffuses Unwohlsein hinsichtlich des eigenen Körpers auf - und nicht zuletzt können sie die sexuelle Energie wieder in Bewegung bringen, so daß sie positiv als Lust empfunden werden kann.

 
Die Sexualität

Wenn die grundsätzliche Lebenserfahrung nicht eine von Liebe, Nähe und Vertrauen ist, stellen sich solche Gefühle auch nicht im Zusammenhang mit der eigenen Sexualität ein. Statt dessen finden sich andere Ventile und Kanäle und die unterschiedlichsten sexuellen Fantasien. Die werden "unter uns" oft verschwiegen und sind doch viel wichtiger als meist angenommen. Unser Denken bestimmt unser Leben, unsere Gedanken haben eine unglaubliche Kraft, sich zu verwirklichen. Wenn es sich dann noch um Vorstellungen handelt, die mit der sexuellen Kraft gekoppelt sind, dann können sie wirklich "Berge versetzen". Wenn die Vorstellung, Frau zu /sein/, sexuell erregt, entwickelt sie einen sehr großen Verwirklichungsdrang. Auch hier gilt es wieder, der sexuellen Kraft über Körperarbeit neue Wege zu ebnen.

 
Dies nur als einige Beispiele und Stationen auf dem Weg zu mehr Selbstwahrnehmung und innerer Gelassenheit. Es lohnt sich z.B. auch, zu "buddeln", was es genau ist, das man /nicht/ will, wenn man sich /für/ etwas bestimmtes entscheidet. Und wann man angefangen hat, das abzulehnen. Meist ist das schon in der Kindheit passiert, in der man oft unbewußt "Entscheidungen" trifft, die das ganze Leben prägen. Als ich dem verletzten Kind, das ich war, innerlich begegnet bin, haben sich bei mir nicht nur Tränen, sondern auch sehr viel anderes gelöst.

Vielen von uns fehlt einfach auch Berührung, wirkliche Nähe, ein natürliches Da-Sein in einer entspannten, akzeptierenden, freien, vertrauensvollen Atmosphäre. Ich weiß, es nutzt nichts, darüber zu reden oder zu schreiben: es gilt, das zu tun und zu leben.

Meine Erfahrung ist, daß das sehr viel verändern kann. Mein Gefühlsleben hat sich dadurch grundlegend gewandelt und auch meine Einstellung zu mir selbst. Es gab nicht den einen, alles entscheidenden Schritt, aber viele kleine Veränderungen, die mich in der Summe wirklich zu einem ganz anderen Menschen haben werden lassen. Heute kann ich mich selbst lieben und akzeptieren - mit allen Fehlern, die ich vielleicht gemacht habe und mit all dem, was ich einmal vehement abgelehnt hatte - die "andere" Körperlichkeit mit eingeschlossen.